Erntebericht Sonderkulturen 2023

Der Anbau von Sonderkulturen hat in Sachsen-Anhalt eine lange Tradition. Die Hauptanbauregion für Arznei- und Gewürzpflanzen wie Majoran, Thymian, Fenchel und Bohnenkraut liegt im Salzlandkreis. Doch der Anbau wird weniger.

Viele Sonderkulturen haben sich in diesem Jahr ungleichmäßig entwickelt. Durch die sehr trockene Witterung im Frühjahr kam es zu einem verzögerten Wachstum der Pflanzen, beispielsweise im Majoran. Die feuchten Bedingungen im Sommer führten dann jedoch dazu, dass sich viele Bestände zumindest teilweise erholen und entwickeln konnten. Momentan werden unter anderem Majoran, Buschbohnen und Zwiebeln geerntet.

Die Rahmenbedingungen für die Betriebe mit Sonderkulturen haben sich in den letzten Jahren verschlechtert, sodass wir einen zunehmenden und teils drastischen Rückgang im Anbauumfang verzeichnen müssen. Während die Anbaufläche von Thymian im Jahr 2019 noch bei 346 ha lag, gibt es 2023 nur noch 72 ha Thymian in Sachsen-Anhalt. Rückläufig ist auch der Anbau von Zierpflanzen, Erdbeeren und Obst insgesamt. Die starke Trockenheit der vergangenen Jahre hat dazu beigetragen, ist aber nicht der Hauptgrund.

Andreas Kahl, Vorsitzender des Fachausschusses „Sonderkulturen, Gemüse, Arznei- und Gewürzpflanzen“, sagt dazu: „Wir haben kaum noch eine Möglichkeit, unsere Pflanzen wirkungsvoll vor Schaderregern zu schützen. Zusätzlich sorgen die schwierigen markt- und agrarpolitischen Rahmenbedingungen für Anspannung bei den Betrieben. In Sachsen-Anhalt werden beste Nahrungsmittel unter sehr hohen Umwelt- und Sozialstandards erzeugt. Wenn das weiterhin gesellschaftlich gewollt ist, braucht es bessere politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen“.

Die massiven Lohnkostensteigerungen durch die Anhebung des Mindestlohns haben Auswirkungen auf den gesamten Sektor, der weiterhin handarbeitsintensiv ist. Der Mindestlohn in Deutschland liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt, weswegen in anderen Staaten günstiger produziert wird. Der Druck des internationalen Wettbewerbs ist für die Betriebe hierzulande sehr hoch. Bei vielen Sonderkulturen ist Deutschland bereits von Importen abhängig, aufgrund des geringen Selbstversorgungsgrades.

Die seit 2018 anhaltende Dürre wirkt sich ebenso auf den Anbau von Sonderkulturen aus. Durch stark schwankende Erträge steigt das Risiko bei Kulturen, die hohe Investitionen in den Anbau voraussetzen. Die unsichere Ertragslage verstärkt den Trend, dass sich Verarbeiter und Vermarkter der Waren ausländische Produzenten suchen, beispielsweise in Polen und Ägypten.

Nicht alle Sonderkulturen schwinden im gleichen Umfang und Tempo. Konstant hält sich der Anbau der Lauchgewächse, also Speisezwiebeln, Schalotten, Lauch, Knoblauch oder Schnittlauch. Hier schwankt der Anbauumfang in den letzten fünf Jahren zwischen 1.037 ha und 1.075 ha. Bei Oregano und der bestockten Rebfläche gibt es im Vergleich zum Vorjahr wenig Veränderungen.

 

Hintergrund: Der Fachausschuss „Sonderkulturen, Gemüse, Arznei- und Gewürzpflanzen“ des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt e.V. beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen sowie Obst, Gemüse und Blumenzwiebeln. Durch die Arbeit im Fachausschuss tauschen sich die Landwirtinnen und Landwirte aus, erkennen betriebsübergreifende Herausforderungen und bestimmen maßgeblich über die Positionen des gemeinsamen Verbandes in den jeweiligen Fachthemen mit. Insgesamt gibt es im Bauernverband Sachsen-Anhalt e.V. 17 Fachausschüsse.

 

 

Weitere Informationen zu Mindestlöhnen in der EU finden Sie unter:

https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Arbeitsmarkt/Mindestloehne.html

Weitere Informationen zum Stand der Dürre finden Sie unter:

https://www.ufz.de/index.php?de=37937

Weitere Informationen zum Selbstversorgungsgrad mit Obst und Gemüse finden Sie unter:

https://www.bmel-statistik.de/ernaehrung-fischerei/versorgungsbilanzen/obst-gemuese-zitrusfruechte-schalen-und-trockenobst

Kommentar der Verbandsspitze im Informationsheft 09/2023

Werte Mitglieder,
werte Landwirtinnen und Landwirte,

in den letzten Monaten umweht uns im ländlichen Raum vielfach der Duft von frisch Gegrilltem. Grillen war und ist sommerliches Kulturgut in Deutschland und im Zuge der Weiterentwicklung hat sich die Produktpalette auf dem Grill, egal wie er betrieben wird, über die Jahre erweitert. Für jede und jeden sollte was dabei sein können, nur darf in den meisten Fällen Fleisch nicht fehlen. Schön wäre es aber schon, wenn es weiterhin überwiegend aus Deutschland käme, nur daran zweifeln immer mehr Praktiker. Sind wir politisch noch gewollt oder macht es nicht viel mehr Sinn, aus der tierischen Produktion auszusteigen, solange der wirtschaftliche Schaden überschaubar ist? Es ist nicht nur der Personalmangel, der frustriert, sondern vor allem die bürokratische Unsicherheit.

In dem Geschacher um die Tierhaltung auf Bundes­ebene erkennen viele keine betriebliche Perspektive für sich. Sie erwarten, dass die Regierungs­parteien in Berlin die dramatischen Zahlen des Bestandsabbaus und Höfesterbens nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern zum Anlass, um dem Rest der professionellen Tierhalter endlich positive Perspektiven aufzuzeigen. Das wäre schon allein aus Respekt gegenüber den in den Startlöchern stehenden Betriebsnachfolgern geboten. Einen erneuten Tiefpunkt erleben wir just nun, da die Borchert-Kommission, das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, seine Arbeit einstellt. Für Realisten war das seit dem Regierungswechsel in Berlin absehbar. Die einen wollen keine Finanzierung, die anderen keinen Umbau. Umso wichtiger ist es, die gangbaren landesspezifischen Spielräume politisch zu entwickeln und zu nutzen.

Unterlassen, Aussitzen und Nichtagieren, weil Parteiflügel und Koalitionsverträge wichtiger sind, führt aktuell zum für einige gewünschten Ergebnis, das den Staat erstmal nichts kostet. Über Generationen entwickelte, vielfältige Tierhaltung verschwindet in der Breite und der Rest konzentriert sich. In den östlichen Bundesländern bekommen wir auf dem Acker schon heute keine Nährstoffkreisläufe mehr flächendeckend mit Wirtschaftsdünger geschlossen. Allein der Ruf nach weniger Getreide für den Futtertrog muss Fachleuten skurril anmuten. Am Ende einer Ernte, die verstärkt nur noch Futterqualitäten für die Tierhaltung hervorgebracht hat oder energetisch in der Biogasanlage genutzt wurde. In der Summe ist Agrarpolitik nie trivial – den Marktfruchtbetrieben fehlt auf Dauer ebenso der Abnehmer für die Wintergerste in der gewünschten vielfältigen Fruchtfolge, wenn es nicht genügend Tierhaltung gibt.

Um es programmatischer, drastischer auszudrücken: Es braucht aus der Sicht einiger politischer Akteure offenbar eine Disruption in der Landwirtschaft. Würde man sanft transformativ vorgehen, würde das alte System nicht verschwinden und die Ernährungswende (weg vom Fleisch) könnte nicht gelingen. Ob etwas Neues entsteht, wie nach einem Waldbrand, das weiß man nicht. Das ist aber auch egal, weil ländlicher Raum eine zu kleine Wählerklientel darstellt.

Was nicht verstanden wird: Es gibt keine unbegrenzte Leidensfähigkeit von Betriebsleitern und es ist keine Selbst­verständlichkeit mehr, das politische Handeln auf ewig auszuhalten. Dann soll das doch alles aus dem Ausland kommen, wenn die politisch Verantwortlichen das so wollen. So eine vielfach gehörte Äußerung aus dem Berufsstand. Damit steht die Landwirtschaft als Branche derzeit nicht mal allein da.

Das Vorgenannte führt zu der gesellschaftspolitischen Fragestellung: „Welche Landwirtschaft, welche Landwirte, welche Tierhaltung halten wir uns künftig“? Wir sprechen gerne von gewünschten bäuerlichen Strukturen, da fühlt sich die gesellschaftliche Mehrheit medial abgeholt und wohl. Die Tiere sollen aus dem Stall raus, Frischluft haben, Natur ist nie schädlich. Das Wohlbefinden von Nutztieren ist in allgegenwärtigen Klimadebatten politisch schon mehr wert als das von Menschen. Im Humanbereich hingegen erfährt der sozialistische Plattenbau mit Einheitswohnungen ohne persönlichen Auslauf eine politische Renaissance, das Einfamilienhaus mit Garten ist obsolet und klimaschädlich. Kapitalistische Überschussproduktion in der Landwirtschaft soll zurückgeführt werden, die Besinnung auf das national-regionale wird als das Credo ausgeworfen.

Um es deutlich zu artikulieren: Weder ist Export per se schädlich, noch hilft uns eine rein national ausgerichtete Wirtschaftsordnung in Europa! Das ist, egal von welcher politischen Seite es kommt, wirtschaftspolitisches Cocooning ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für landwirtschaftliche Betriebe. Heilsversprechen bezahlen keine Rechnungen und bringen keinen monetären Ertrag. Die Realität soll den Wünschen der eigenen Klientel gebeugt werden, auf Gedeih und Verderb. Ungeachtet der Tatsache, dass das nicht funktionieren kann, in einer freien und marktwirtschaftlichen Welt. Das vergleichbare Paradebeispiel ist der Tante-Emma-Laden, der schon lange am real existierenden Verbraucherverhalten geendet ist. Als mündige und selbstbestimmte Konsumenten wissen wir alle um unsere eigene dauerhafte Verhaltensdiskrepanz zwischen Umfragen und Realität. Dass es mit der Tierhaltung in Deutschland nicht so ausgeht, dafür müssen zügig umsetzbare Rahmenbedingungen geschaffen werden. Der Besuch einer handelsüblichen Currywurstbude, das zuhörende Gespräch mit entpolitisierten Bürgern im ländlichen Raum, könnte bei einer politischen Kurskorrektur und Erdung helfen.

Ihr Marcus Rothbart
Hauptgeschäftsführer Bauernverband Sachsen-Anhalt

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