April-Kommentar im Informationsheft

Liebe Berufskolleginnen
und -kollegen, lieber Leser,

auf der agra in Leipzig wird im April sichtbar, wie viel Innovationskraft in der Landwirtschaft steckt. Moderne Landtechnik, digitale Anwendungen und intelligente Verfahren zeigen dort, wie stark sich der Ackerbau weiterentwickelt. Diese Fortschritte sind keine technische Spielerei. Sie sind eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass landwirtschaftliche Betriebe unter immer anspruchsvolleren Bedingungen auch künftig erfolgreich wirtschaften können.

Denn der Ackerbau steht durch Wetterextreme, längere Trockenphasen, neue Schädlingssituationen und veränderte Krankheitsverläufe vor großen Herausforderungen. Wir wollen gleichzeitig hochwertige Lebensmittel erzeugen, Umwelt und Ressourcen schonen und wirtschaftlich tragfähig bleiben. Dieser Anspruch ist berechtigt. Er kann aber nur erfüllt werden, wenn den Betrieben dafür auch die notwendigen Werkzeuge zur Verfügung stehen. Das gilt besonders für den Pflanzenschutz. Gerade hier zeigt sich, wie weit politische Debatten und betriebliche Realität oft auseinanderliegen. Auf dem Feld entscheidet nicht ein allgemeines Leitbild über den Handlungsbedarf, sondern die konkrete Situation vor Ort. Jeder Standort ist anders. Boden, Witterung, Fruchtfolge, Krankheitsdruck und Schädlingsaufkommen unterscheiden sich erheblich. Deshalb brauchen Landwirtinnen und Landwirte Rahmenbedingungen, in denen sie auf Grundlage ihrer fachlichen Bewertung verantwortlich handeln können.

Pflanzenschutz ist kein Selbstzweck. Er dient dazu, Pflanzen gesund zu erhalten. Wer Kulturen vor Krankheiten, Schädlingen und Konkurrenz durch Unkräuter schützt, sichert nicht nur die Ernte, sondern schützt auch die Ressourcen, die zuvor in den Bestand investiert wurden. Saatgut, Düngung, Arbeit, Energie und Wasser verlieren ihren Wert, wenn Erträge am Ende nicht abgesichert werden können. Umso problematischer ist es, dass das Instrumentarium im Pflanzenschutz so eingeschränkt ist. Viele Betriebe erleben, dass Wirkstoffe wegfallen und der Handlungsspielraum kleiner wird, während die Risiken im Ackerbau eher zunehmen. Gerade in solchen Situationen braucht es keine pauschalen Vorgaben, sondern praxistaugliche Regeln, die die Fachlichkeit in den Betrieben ernst nehmen.

Weiter gefasste Rahmenbedingungen bedeuten dabei nicht weniger Verantwortung. Sie bedeuten, dass Entscheidungen dort getroffen werden können, wo das Schadgeschehen tatsächlich sichtbar wird: auf dem Feld. Landwirtinnen und Landwirte kennen ihre Flächen, ihre Kulturen und ihre örtlichen Bedingungen. Sie müssen deshalb die Möglichkeit behalten, auf konkrete Entwicklungen angemessen zu reagieren, wenn dies fachlich notwendig ist.

Natürlich liegt die Zukunft nicht allein im klassischen Pflanzenschutz. Neue Sorten, präzisere Technik, Sensorik, Digitalisierung und teilflächenspezifische Anwendungen bieten große Chancen, Mittel gezielter und sparsamer einzusetzen. Genau darin liegt der richtige Weg: im Zusammenspiel von Innovation, Wissen und Praxiserfahrung. Aber diese Bausteine ergänzen den chemischen Pflanzenschutz, sie ersetzen ihn nicht.

Wer von der Landwirtschaft erwartet, dass sie produktiv, nachhaltig und widerstandsfähig arbeitet, muss ihr deshalb auch die passenden Mittel und den nötigen Handlungsspielraum zugestehen. Fortschritt braucht Innovation. Fortschritt braucht Fachlichkeit. Und Fortschritt braucht Vertrauen in diejenigen, die täglich auf dem Acker Verantwortung tragen.

 

Sven Borchert
1. Vizepräsident des
Bauernverbandes Sachsen-Anhalt e.V.

 

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