September-Kommentar im Informationsheft
Werte Mitglieder, werte Leserinnen und Leser,
Bildung zieht sich durch unser ganzes Leben. Dem einen fällt sie einfacher zu, dem anderen ist sie immer eine erhebliche Anstrengung. Der eine ist stets wissbegierig bis ins hohe Alter, der andere eher nicht. Gutes Lesen, Schreiben und Rechnen, und das aus eigenem Erleben, sind die Basis für so vieles im Leben. Diese persönlichen Fähigkeiten können nicht ersetzt werden durch KI-Anwendungen, die sicher eine beschleunigende Unterstützung im Tagtäglichen sind. Trotzdem beruhen diese bisher lediglich auf einer eingebrachten Vergangenheitssituation und fassen bekanntes Wissen zusammen.
Eine gute und vielfältige Bildung ist und bleibt immer Teil des Fundaments einer erfolgreichen Gesellschaft und reicht über das in der Schule, Ausbildung oder Studium Erlernte weit hinaus. Sie ist die Grundlage für unser gesamtes respektvolles Zusammenleben, für unser persönliches Urteilsvermögen und für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung ganzer Regionen. Das alles ist nicht neu, sondern steht in einer langen Tradition bis hin zu alten Königshäusern rund um die Welt. Diese haben sich Gelehrte und weitgereiste Menschen an ihre Höfe geholt, um ganz simpel idealerweise vom Besseren zu lernen und zu profitieren. Sachsen-Anhalt steht hier in einer besonderen Linie mit seinen sechs UNESCO-Welterbestätten, die auf der Welt zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern gehören. Ohne Engagement und Exzellenz in Wissen und Bildung unserer Vorfahren hätten wir diese nicht.
Nun ist das mit der aktuellen Bildungssituation in Sachsen-Anhalt so eine Sache, das sehen wir jeden Tag. Unterschiedliche Bildungsstände und Schulabschlüsse sind in jeder normalverteilten Gesellschaftszusammensetzung üblich, nur die hohe Zahl an Schulabgängern ohne Abschluss ist in Sachsen-Anhalt ein schon länger anhaltendes veritables und teures Problem. Dieses deutlich besser in den Griff zu bekommen, ist neben der primär eigenen Verantwortung von Eltern und den Schülern selbst auch eine zentrale Aufgabe der künftigen Landespolitik. Länger leisten können wir uns diesen Zustand nicht mehr. Angesichts der bekannten demographischen Entwicklung und gleichzeitig steigenden Anforderungen an die Qualität von Fachkräften muss mindestens ein qualifizierter Schulabschluss und zusätzlich eine abgeschlossene Ausbildung das Ziel sein von denen, die nicht vorrangig ein Studium anstreben. Ein erster Ansatz wäre den gesetzlichen Mindestlohn nur noch denen zu zahlen, die eine Ausbildung erfolgreich absolviert haben. Aber auch das alles wird im Idealfall nicht reichen, um am Arbeitsmarkt die berechenbare und sichtbar weiter aufgehende Bedarfslücke an qualifizierten Erwerbstätigen im Bundesland näherungsweise zu ersetzen.
Nicht vergessen werden darf in dem Zusammenhang der Bedarfslücke an Arbeitskräften, dass schon vor dem Mauerbau und nach dem Mauerfall sehr viele Menschen die Region und das Bundesland verlassen haben. Seit der Wende ist die Bevölkerungszahl in Sachsen-Anhalt um gut 25 % und damit um 800.000 Menschen gesunken. Schon weit länger sterben im Land jährlich mehr Menschen, als dass neue geboren werden. Insgesamt fehlen in so nennenswerter Zahl Menschen, weil sie und ihre Kinder sich dauerhaft woanders angesiedelt haben. Zurückkommen werden diese nur in homöopathischen Dosen, aber nie im erforderlichen Umfang. An diesen Folgen leidet das Land und zu glauben, dass es ohne nennenswerte qualifizierte Zuwanderung bei gleichzeitig niedriger Geburtenrate gehen wird, das erscheint nicht realistisch. Wir sollten nicht annehmen, dass Entwicklungen aus fast 70 Jahren einfach umkehrbar sind.
Die vorgeschilderten Grundsituationen sind für jeden politischen Anbieter im Land eine gewaltige Herausforderung, denn die Faktenlage ist für Sachsen-Anhalt sehr klar. Das Land ist an der Grenze seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Wir brauchen mehr Wirtschaftsleistung, allein um unser Gemeinwesen in Gänze am Laufen zu halten. Wir brauchen weniger Verwaltung und damit eine geringere Staatsquote im Verhältnis zu heute. Wir benötigen mehr produktive Firmen und für diese brauchen wir neben motivierten Betriebsnachfolgern auch qualifizierte Zuwanderung. Vor allem aber brauchen wir umfängliche qualitative Bildung, eine gewisse Weltoffenheit für andere Ideen und die Fähigkeit uns gegenseitig zuzuhören. Ein Land, das mitten in Deutschland und Europa liegt, hat an sich beste Bedingungen, um gute und tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Ihr
Marcus Rothbart
Hauptgeschäftsführer des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt e. V.
Blick ins Heft:
Das komplette Informationsheft finden Mitglieder in den kommenden Tagen in der Briefpost oder vorab im Mitgliederportal.
